Beutekunst-Portal

Fall 1

Das verschwundene Porträt Pauls I.

Vom Museumsbestand über zwei Kunstdiebstähle bis zur Wiederbeschaffung eines bedeutenden russischen Kulturguts.

Diese Geschichte begann mit einem Zeitungsartikel.

Im Handelsblatt erschien ein Beitrag mit einer damals ungewöhnlichen These: Die Beutekunstproblematik werde sich langfristig nur noch durch wirtschaftliche Lösungen bewegen lassen.

Parallel veröffentlichte der Berliner Tagesspiegel eine Serie von Beutekunst-Steckbriefen über kriegsbedingt verlorene Kunstwerke der Berliner Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung. Unter jedem Steckbrief standen Name und Telefonnummer des Initiators.

Die Resonanz ließ nicht lange auf sich warten.

Ein Anruf

Ein Hamburger Kunsthändler meldete sich telefonisch.

Er vermutete, ein Gemälde zu besitzen, das ursprünglich aus Russland stammen könnte. Wenige Tage später stellte er in Berlin ein Ölgemälde vor.

Es zeigte den Großfürsten Paul, den späteren Zaren Paul I., Sohn Katharinas der Großen. Gemalt wurde das Porträt von dem schwedischen Hofmaler Alexander Roslin.

Der Händler bot zugleich ein weiteres Paul-I.-Porträt aus der Werkstatt Roslins an. Für weitere Untersuchungen stellte er das Gemälde einige Tage zur Verfügung und überließ zusätzlich das Gutachten eines Kunstsachverständigen. Damit begann eine Recherche, deren Ausgang niemand vorhersehen konnte.

Eine Spur führt nach Russland

Auf der Rückseite des Gemäldes befanden sich kyrillische Beschriftungen und Inventarvermerke.

Sie weckten den Verdacht, dass das Bild aus einem russischen Museum stammen könnte.

Die russische Botschaft in Berlin griff die Bitte um Recherchehilfe auf. Die Unterlagen wurden an das russische Kulturministerium weitergeleitet.

Nach mehreren Monaten lag die Antwort vor.

Das Gemälde stammte aus dem Museum Schloss Gattschina bei St. Petersburg. Seine Herkunft wurde vom russischen Kulturministerium schriftlich bestätigt. Gleichzeitig wurde das Bild als unverzichtbarer Bestandteil des russischen nationalen Kulturerbes eingeordnet.

Aus einem unbekannten Gemälde war ein eindeutig identifiziertes Beutekunstobjekt geworden.

Ein neuer Diebstahl des Porträts

Doch die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung.

Während der russischen Provenienzprüfung wurde das Gemälde aus dem Büro des Beutekunst-Portal-Initiators gestohlen.

Entwendet wurde ausschließlich das Bild.

Nach Einschätzung der Ermittlungsbehörden bestand ein Zusammenhang mit einer international tätigen kriminellen Organisation. Wegen der kulturhistorischen Bedeutung des Objekts führten Bundeskriminalamt und Landeskriminalamt Berlin die Ermittlungen.

Die Suche geht weiter

Es folgten Jahre intensiver Nachforschungen.

Mehrfach wurde versucht, das Gemälde zurückzukaufen. Es gab Treffen, Vermittlungsversuche und zahlreiche Gespräche. Keiner dieser Ansätze führte zum Erfolg.

Erst Jahre später tauchte das Porträt erneut auf.

Das Gemälde wurde dem Auktionshaus Sotheby's in Amsterdam angeboten und dort sichergestellt. Erst durch das persönliche Engagement eines Versicherungsspezialisten und die Zusammenarbeit mit den niederländischen Behörden konnte das Bild schließlich nach Deutschland zurückkehren. Die Versicherung übergab es anschließend an den Beutekunst-Portal-Initiator.

Warum dieser Fall mehr bedeutet

Der Fall zeigt, dass erfolgreiche Beutekunstrecherche weit mehr leisten kann als die Identifizierung eines verlorenen Kunstwerks.

Aus einem zunächst unbekannten Gemälde wurde ein eindeutig identifiziertes Kulturgut mit gesicherter Provenienz, dokumentierter Verlustgeschichte und bestätigter Herkunft.

Damit entstehen Voraussetzungen, die weit über die historische Dokumentation hinausreichen. Erst eindeutig identifizierte Beutekunstobjekte eröffnen Möglichkeiten für Restitution, bilaterale Kompensationsmodelle und neue kulturpolitische Lösungsansätze.

Genau darin liegt die besondere Bedeutung erfolgreicher Provenienzrecherche.